Aus alten Bücherschränken - Gustav Adolf Melchers: Die Vergangenheit unserer Zukunft?

Die Vergangenheit unserere Zukunft?

Die Vergangenheit unserer Zukunft? : Der Verfall unserer Vormenschen von Gustav Adolf Melchers
Zeit-Verlag, Berlin, Düsseldorf, Leipzig, Stuttgart, 1908

Diese Dystopie ist als Rückblick aus dem Jahre 4251 auf das Zwanzigste und Einundzwanzigste Jahrhundert und darüber hinaus geschrieben. Grundlage für den Verfasser sind Zeitdokumente, die sich auf Schallplattenähnlichen Dokumententrägern befanden.
Bei seinem Rückblick geht er nicht chronologisch vor, sondern berichtet von den damaligen Hauptstaaten der Erde und wie sich bei diesen die Geschichte gestaltete. Dies sind für ihn ein von Preußen dominiertes Deutschland, Großbritannien und Irland, Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn, Bayern, Portugal, die Niederlande, Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Japan und China.
Die Berichtszeit von 1960 bis 2100 ist hauptsächlich durch Kriege und Revolutionen gekennzeichnet. Diese Ereignisse die mit neuen chemischen, biologischen und elektrischen Waffen geführt werden haben zum Ergebnis das die bis dahin bestehenden Ordnungen am Ende nicht mehr existieren. Überall wurden die Monarchien beseitigt. Jedoch die Kriege haben die Republiken geschwächt und das neue System ist dekadent,  so dass es dem Milliardenvolk der Chinesen ein leichtes ist. zunächst Europa, dann aber auch Afrika und Amerika zu besetzen. Nun beginnt eine Jahrhunderte andauernde Friedensperiode, aber irgendwann setzt sich die Dekadenz durch. Die übrige Menschheit ist faul und träge und richtet sich mit künstlicher Nahrung und übermäßigen Gebrauch von Genuss und Rauschmitteln zu Grunde.
Selten habe ich eine so pessimistische Darstellung der zukünftigen Menschheitsgeschichte gelesen.
Es gibt für Melchers scheinbar keine Möglichkeit einen positiven Ausgang der menschlichen Entwicklung zu gestalten. Keine der bekannten Ordnungen besitzt die Lösung. Die Monarchie und andere Autokratien führen die
Menschheit genauso in den Untergang wie Sozialdemokratismus und Anarchismus.

Der asiatischen Denkungsweise billigt er eine Verzögerung des Untergangs zu, aber schließlich kommt es auch unter dieser Herrschaft zum unausweichlichen Ende.
Der fiktive Erzähler einer neuen Menschheit nach Tausenden von Jahren, stellt am Ende die Frage „Sind wir gesund, geistig und lebenskräftig genug, um mit frohen Vertrauen einer immer höher gehenden Entwicklung, einer immer größeren Vervollkommnung des Menschengeschlechts entgegenzusehen – oder ist jene Vergangenheit unserer Vormenschen ein furchtbar drohendes Vorbild unserer vielleicht nur mit übermenschlichen Anstrengungen abzuwehrenden Zukunft?“.

Für die Leser von 1908 waren die geschilderten Ereignisse ausschließlich Zukunftsvorstellungen. Hundert Jahre nach dem Erscheinen des Buches können wir schon sagen, ob der Verfasser richtig lag und irgendwie ist es erschreckend, dass einige im nachhinein fast prophetisch wirken. Und wir können nur hoffen, das die anderen Ereignisse nur Phantasie bleiben.
Das Buch ist also eine Anti-Utopie wobei der Verfasser gegen alles Anti ist. Er ist antiklerikal, antimonarchistisch, antirepublikanisch aber auch anti-anarchistisch. Er ist gegen den Nationalismus sieht aber auch in der Aufgabe der nationalen Positionen zu Gunsten einer Völkervermischung eine Gefahr. Wie bereits gesagt, er nennt keine Auswegsmöglichkeiten.

Gustav Adolf Melchers lebte von 1869 bis 1944. Er schrieb noch den phantastischen Roman „Die neue Sintflut“ der 1914 erschien.

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